Schlaflos

Ich bin schlaflos. Nachts liege ich wach, mit müdem Körper und schweren Augen, während mein Hirn vergessen hat, dass ich nicht mehr zwanzig, sondern über vierzig bin. Dass die Party im Kopf nicht mehr Disco sondern Walzer sein darf. Weil sich die Falten nicht nur ins Gesicht, sondern irgendwann auch aufs Gemüt legen. Da hilft auch keine Hyaluron-Maske mehr, keine Anti-Aging-Augenpads oder Gold in Fluid verpackt. Ich bin einfach müde. Innen wie außen.

Glamour oder Basic: Was bist du?

Doch wie bedeutungslos ist ein Glitzerblazer, an einem grauen Januartag, der viele weitere graue Januartage schon mit sich zieht? In einer Pandemie, die endlos scheint? Ein bisschen mehr Glamour in der Winterdiesigkeit der Großstadt. Ein bisschen mehr WOW, ich habe mich getraut – und ein bisschen mehr: Schau!

Ich könnte noch immer Baggyjeans, Sneaker und ein T-Shirt dazu stylen, denke ich. Um die Neontafel etwas zu dimmen, um die Ansage, die so ein auffälliges Kleidungsstück mit sich bringt, ein wenig zu neutralisieren. Alltagsüblicher zu gestalten. Das weiße Pferd statt des Einhorns unter Rappen.

Auf die Freundschaft und das Leben.

tzen wir nun, mit unserem Leben im Gesicht. Mittelalt. Und irgendwie nicht mehr ganz so cool. Der Lack blättert nicht nur an den Fingernägeln ab, auch unsere Fassade hat kleine Risse bekommen hat. Außen wie innen. Nicht mehr zwanzig sein, nicht mehr vom großen Ganzen träumen, sondern auf dem Boden der Tatsachen unseren Alltag so ganz Instagram-untauglich zusammenpuzzeln. 

JETZT: will ich leben!

Ich will nicht perfekt sein. Ich will leben.

Bist du noch da? Liest du noch mit? Überlegst du gerade, ob ich es tatsächlich geschafft habe, aus dem Hamsterrad auszusteigen? Ich will ehrlich sein. Mir bleibt noch ganz oft die Luft weg, vor lauter Strampelei. Vor lauter Dies und Das und Jenes. Doch fast genauso oft, hole ich ganz tief Luft und versuche, mich zurückzuholen. Ins Hier. In das Jetzt. Ich muss nicht alles schaffen. Ich muss nicht jeden Punkt auf meiner To-Do-Liste abhaken. Ich bin ein Mensch. Ich bin nicht perfekt. Denn schlussendlich ist es das, was uns Lebenszeit und Ruhe nimmt. Das Streben nach dem Perfekt sein. Dem immer besser sein. Stop!

Ich halte an. Ich setze mich in Gedanken wieder auf die Wiese zu meiner Tochter und beobachte staunend, was alles zwischen Gänseblümchen und Grashalmen krabbelt. Ich finde neue Geschichten und erzähle diese.

Das Heute. Das Morgen und die Hoffnung.

Ist das ein ‚german talent‘, also eine Eigenschaft, die insbesondere uns Deutschen anhaftet? Dieses tiefe Stapeln, auch was das Glücksempfinden betrifft? Zuzugeben, dass heute ein schöner Tag ist, hieße auch zu zeigen, dass das Leben gut ist. Das es mir gut geht. Auch wenn es nicht alltäglich so ist. Zuzugeben, dass das große Ganze okay ist. Das Dasein. Und worüber sollte man dann reden, wenn man nicht muffeln kann. Oder Jammern. Deutschland. Opferland.