Frauen & Finanzen. Teil 1: Ich wurde gebuzzert.

Du brauchst drei bis vier Monatsgehälter auf dem Girokonto. Mööp!
Du brauchst Rücklagen. Mööp!
Investiere in Aktienfonds. Mööp!
Depotsparen. Mööp!
Altersvorsorge. Mööp!
Inflation.
Motivation.
Reaktion.

Der Buzzer hört nicht auf, rot zu blinken und zu tönen. Ich sitze in einer Gruppe von Frauen und lausche den Vortragenden zum Thema Finanzen. Geld. Altersvorsorge. Absicherung. Nichts davon habe ich ausreichend. Neugierig blicke ich in die anderen Gesichter und entdecke Hilflosigkeit.

»Denen geht es wie mir.«, denke ich und spreche es aus. Die Tatsache, die uns alle betrifft. 

Wir sind von Altersarmut betroffen.

Wir sind Frauen, selbstständig und die größte Rücklage sind unsere Träume von einer finanziell besseren Zukunft. Nicht arm aktuell, aber auch nicht im Wohlstand lebend. Doch was ist dieser Wohlstand eigentlich? Ich definiere es an diesem Abend und treffe mitten hinein – in die Herzen und Gedanken der anderen.

Wir wollen finanziell frei sein und sorglos. Wir wollen gut leben und uns gesund ernähren. Unsere Bäuche und unsere Seelen füllen. Mit Erinnerungen an erfüllende Urlaube und Momente außerhalb des Alltages. Wir wollen ins Kino gehen, ins Theater, Kultur genießen und in uns investieren. Wir wollen unser Leben jetzt umarmen und trotzdem Rücklagen schaffen. Wir wollen unsere Kinder versorgen, ihnen gute Bildung vermitteln und das Gefühl für eine sichere Zukunft geben. Investitionen tätigen, an Projekten beteiligen, spenden, leben und leben lassen. 

Wir sind Frauen um die vierzig Jahre. Selbstständige Dienstleister. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, um in eine ausreichende Rente einzuzahlen. Wir haben aktuell nicht die Möglichkeit, hohe und lohnende Beiträge in Aktienfonds zu stecken. Und manche nicht mehr die körperliche Gegebenheit, über die Rente hinaus zu arbeiten. 

In der Mitte unseres Lebens angelangt, glauben wir nicht mehr an die reichen Prinzen auf weißen Pferden. Oder dass wir eine finanzielle Sorglosigkeit von einem Mann abhängig machen können. Ein paar von uns sind verheiratet, vergeben oder auch getrennt. Mein Prinz hat mich vor fast fünfzehn Jahren auf einem Motorroller abgeholt. Ohne den Goldsack, dafür reich an Emotionen für eine wilde Ehe mit mir. Den Wohlstand erarbeiten wir uns seitdem Jahr für Jahr – mal mehr, mal weniger gut. Ich war zudem schon immer eine emanzipierte Prinzessin, die lieber ihr eigenes Gold gesponnen hat, als von ihrem Mann Reichtum und Versorgung zu erwarten. Dennoch füllen wir gern gemeinsam den Topf und nähren unsere Familie davon. 

Heute. 

Morgen ist noch ein vages Bild, ein wackeliges zudem. Weil wir eben keine drei bis vier Monatsgehälter zurückgelegt haben, weil ein gestopftes Loch ein neues aufreißt. Weil wir sind. Weil wir leben. Doch was ist, wenn uns unsere Kraft verlässt, wenn wir alt sind? Oder schon eher? Ich habe während meiner Zeit als Angestellte in die gesetzliche Rente eingezahlt. Mein Mann tut das noch. Auf unseren Rentenbescheiden steht deutlich geschrieben, mit was wir unsere Bäuche und Seelen füllen werden – oder die Sparschweine unserer Enkel. Und diese Aussicht stimmt mich nicht heiter. Weiterhin in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen ist für mich als Freelancer keine Option. Zu starr sind die Regeln und zu gering die Rente. 

Was kann ich also als (selbstständig arbeitende) Frau tun, um heute und morgen gut zu leben?

Eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist, weil sie weitere Fragen aufwirft. So zum Beispiel:

  1. Wie ist die eigene Einstellung zu Geld & Finanzen? Thema Money Mind Set.
  2. Was weißt du über Geld & Vorsorge? Was sind ETFs, NFTs, Aktiendepots?
  3. Was hast du an finanziellen Mitteln? Wohneigentum?

Und das gilt vor allem für selbstständig arbeitende Frauen:

4. Was ist dein Wert und wie verkaufst du deine Dienstleistung / dein Produkt?

5. Hast du Existenzängste?

6. Hast du Erfolgsängste?

7. Kannst du dir ein Anlagevermögen schaffen?

8. Hast du Möglichkeiten eines passiven Einkommens?

9. Arbeitest du Gesund- und Gewinnbringend?

10. Und schlussendlich: Trägst du noch immer die rosarote Brille und glaubst an reiche Prinzen auf weißen Pferden?

Ich habe mich – auch aus eigenem Interesse – auf die Suche nach Antworten gemacht. Und vielleicht finde ich unterwegs den heiligen Gral oder eine Lösung, die zumindest einigen von uns hilft. Für ein gutes Jetzt und ein erfüllendes Morgen.

Denn das wünsche ich uns allen. Egal welches Geschlecht wir haben.

Im nächsten Artikel geht es um das Money Mindset.
Dieser erscheint am Ende der KW50.

Wer viel kann, muss viel machen.

Zum Beispiel Schokokrümelbrötchen statt Nussaufstrich.

Die Sonne scheint warm durch das Terrassenfenster, obwohl der Herbst seine ersten kleinen Stürme durch die Büsche schickt. Wir sitzen am Frühstückstisch und ich zwinkere einen Lichtpunkt aus den Augenwinkeln weg. Schön ist er, dieser letzte Morgen in unserem winzigen Ferienhaus an der Ostsee. Der Kaffee duftet in Keramikbechern und der Hund schnarcht leise an seinem Sonnenplatz. Das Buttermesser gräbt sich durch die knusprige Brötchenhülle, als unser Kind fröhlich nach Mamas Krümelaufstrich verlangt.
„So wie du dein Brötchen als Kind gegessen hast, ja!“, fordert sie bestimmend.
Mein Mann schaut mich an, ich zucke mit den Schultern.
„Na mit Krümelschoki.“, deutet sie seinen Blick richtig.
„Das muss die Mama machen.“, meint er daraufhin und reicht mir das halbe Brötchen mit Butter rüber.
„Ach Papa, das geht doch ganz einfach. Du musst die Schokolade nur mit dem Messer raspeln.“, erklärt ihm unsere Vierjährige richtig.
Mein Partner in Crime & Life grinst. „Kann Mama besser!“
Ich grinse auch und zitiere meinen eigenen Vater: „Wer viel kann, muss viel machen. Merk dir das gut, mein Kind.“

 Ich hab‘s mir nicht gemerkt, und mutmaße, dass dieser Spruch eher ein Männerding ist.

„Kann der Papa auch, will er aber nicht.“, sage ich salopp und raspele engagiert die Schoki auf das Brötchen unserer Tochter. Wie früher, vor vierzig Jahren, als Schokoaufstrich zur Bück-dich-Ware in der ehemaligen DDR gehörte. Nudossi. Damals wie heute. Nur wird es heute im Regal, statt unter dem Ladentisch gehandelt und ehrlicherweise habe ich es nie gekauft. Nutella auch nicht. Ich krümele noch immer gern Vollmilchschokolade auf mein Brötchen. Weil ich es so mag. Nenn es Nostalgie oder eine schöne Erinnerung an die Sonntagmorgen meiner Kindheit am Küchenholztisch meiner Eltern, während der alte Birnbaum vorm Fenster leise raschelte und Nachbars Rasenmäher sich in die ersten saftigen Grashalme grub.

Dann überlege ich, dass es gut ist, viel zu können. Denn egal was im Leben passiert: ich bin vorbereitet.

Reifen wechseln? Check!
Brot backen? Check!
Das Internet zum Laufen bringen? Check! (Gelöscht habe ich es auch schon.)
Hundekacke aus Kindergummistiefel puhlen? Check!
Wände tapezieren? Check!
IKEA-Schränke mit nur einem Schraubendreher aufbauen? Check!

Also alles Dinge, die wichtig sind, um sicher am Leben teilnehmen zu können. Nur eine Bierflasche mit einem Feuerzeug öffnen, das kann ich bis heute nicht. Da bleib ich ganz damen- und standhaft und überlasse dieses schwierige Terrain meinem Mann. Sieht auch viel cooler aus, wie er mit einem Klick den Kronkorken wegschnippt. Bei mir würde die ganze Flasche hinterherkicken.

Und so teilen wir uns auf in Können, Wollen und (Nicht-) Tun. Er öffnet mir meine Flaschen und den Blick für Dinge, die ich manchmal nicht sehen kann und lehrt unser Kind in Sprechgesang zu Rappers Delight.

I said-a hip, hop, the hippie, the hippie
to the hip hip hop-a you don’t stop the rock.

The Sugarhill Gang »Rappers Delight«

Ich zeige unserer Tochter, wie Regale an die Wand gezimmert werden und meinem Mann, dass wir in unserem nicht-Perfekt-sein, perfekt zusammenpassen.  Manchmal vergesse ich das nämlich. Wenn der Alltag zu sehr an der Substanz nagt. Wenn ich mich vergesse. Freundschaften schleifen lasse, Telefonate verschiebe und abends mit unserem Kind ins Bett falle und einen unruhigen Schlaf schlafe. Weil ich keine Pausen eingelegt habe. Weil ich bis zum Grund meiner Kraft geschöpft und den Tank leer gelassen habe. Die letzten Meter bis zur Tankstelle bin ich nicht in meinen Boots, sondern eher kriechend auf allen Vieren gegangen. Hab dabei geschimpft und die Verantwortung im Außen gesucht. Doch da war sie nicht zu finden, egal wie sehr ich es versucht und die letzten Tropfen Energie darauf verschwendet habe. Die Verantwortung für mich, liegt bei mir.

Und zwischen Schokokrümelbrötchen und goldener Herbstsonne wird mir plötzlich klar: Es ist gut, viel zu können, wenn man dabei auch mal abgeben kann.

Abgeben, das habe ich in diesem Urlaub auch getan. Weil es gar nicht anders ging und schlussendlich ging es sogar sehr gut so. Kind und Papa haben viel Zeit miteinander verbracht, während ich meinen grummeligen Magen und die Erschöpfung der letzten Wochen teilweise im Bett, teilweise am Ostseesandstrand kuriert habe. Hat allen gutgetan. Vor allem die gemeinsamen Stunden, die Meeresluft und dass wir als Familie ein sicheres und festes Band sind.

Wenn jeder für sich und auch immer ein wenig für den anderen sorgt. Gibt und abgibt. Wenn mein Mann das Brötchen unserer Tochter buttert und ich die Schokolade darauf raspele, während sie genau beobachtet, was ich tue und der Hund selig schnarcht.

Wer viel kann, kann viel machen. Muss es aber nicht.

Fußnote: Und wenn nichts mehr geht, Musik geht immer:

Einfach mal machen?

Über Mutausbrüche, Selbstzweifel und den eigenen Weg.

Einfach mal machen. Nicht vordenken, zu viel nachdenken, zerdenken, wegdenken. Sondern machen.

Es ist 8 Uhr morgens an einem Sonntag. Ich sitze am Küchentisch, neben mir mein Lieblingskaffee mit Milchhäubchen, vor mir der Laptop. Die Kolumne ist für morgen geplant und tatsächlich schreibe ich diese meist wenige Stunden vor der Veröffentlichung. Nur heute ist anders. Weil die Nacht kurz war, weil ein paar Sätze mich unruhig schlafen ließen. Weil ich mich im wahrsten Sinn des Wortes wachgerüttelt fühlte.

„Startet, bevor ihr ready seid. Wer immer nur darauf wartet bis alles perfekt ist, wird warten, aber nie machen. Nicht warten bis das Projekt fertig ist, oder die Business-Idee – sondern rausgehen, andere um Rat fragen und ins doing kommen! Mut zum Machen kannst du lernen. Fragt euch: Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Meistens ist es nicht so schlimm, wie ihr es euch ausmalt.“

Tijen Onaran. Gründerin der Global Digital Woman.

Und nun sitze ich hier mit all meinen Gedanken, meinen Selbstzweifeln der letzten Wochen und plötzlich fängt es an, in mir zu vibrieren. Ich will machen. Tun. Loslegen. Vor allem jedoch meinen Perfektionismus, meinen überhöhten Anspruch an mich selbst, weglegen. Ganz hinten in den Kleiderschrank, zu den Highwaist-Jeans, die mich nicht gut kleiden. Zu den vielleicht-irgendwann-Klamotten in Größe 34/36, in die ich soundso nicht mehr hineinpassen will.

Ich glaube, er steht mir auch gar nicht, dieser selbstauferlegte Perfektionismus. Also kann ich ihn auch dalassen, wo der Rest liegt, den ich nicht mehr brauche. Weil ich herausgewachsen bin.

Ich bin ready. Lange schon. Und ich kenne viele Menschen, die es ebenfalls sind. Wir stehen auf Start, aber gehen nicht los. Wie die kleinen Männchen im Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Wir warten das der Würfel auf die 6 fällt, weil das Spiel es so will. Und im wahren Leben? Wer bestimmt da die Spielregeln? Bei der Geburt gibt’s keine Anleitung dazu. Im besten Fall sind da Eltern mit einem ungefähren Fahrplan, um nicht aus der Gesellschaft zu fallen. Dazu noch ein paar Lebens- und Glaubenssätze, die nicht immer passen, aber passend gemacht werden. Und irgendwann steht man etwas unfertig da und will loslegen. Mit dem ganzen Leben, nach den eigenen Vorstellungen, die gar nicht mehr so eigen sind.

„Einfach mal machen.“, ist nicht so simpel, wie es sich anhört. Oder doch? Was hindert uns daran? Die eigene Courage? Die Stimme im Ohr, dass es immer jemanden gibt, der besser ist? Aber ist das wichtig – das jemand besser ist? Schöner, erfolgreicher, bekannter… Ist die Frage nicht eher: Warum? Warum will ich tun, was ich tun will. Was treibt mich an? Und wenn ich alle Gründe oder den einen kenne, kenne ich mich und meine Aufgabe im Leben. Dann ist es doch egal, was andere machen und wo sie stehen.

Ich wollte immer schreiben. Schon als Kind habe ich davon geträumt, meinen Berufsweg im Schreiben zu finden. Weil ich unterhalten und Menschen für ein paar Momente aus ihrem Alltag abholen möchte. Mit Geschichten für groß und klein. Mit Shortstories, Kolumnen, Büchern, als Texterin und all den Möglichkeiten, die ich als leidenschaftliche Schreiberin habe. Den Moment einfangen und das Begehren. Die Zeit anhalten und durch Buchstaben auf die Weite des Meeres blicken, dass sich leise plätschernd am Ufer kräuselt. Am anderen Ende taucht die Sonne rotgolden in ihr allabendliches Bad ein. Die Luft frischt salzig auf.

Frankreich. Normandie. Atlantik.

Das ist mein Warum. Und wenn ich damit einen Menschen erreiche, ihn vielleicht aus einem schwierigen Augenblick abhole, dann weiß ich, dass mein Weg der richtige ist. Er ist nicht immer einfach und ich habe viele Weggabelungen gebraucht, um zu wachsen und zu verstehen. Mich zu verstehen. Und dass manche Glaubenssätze Wahrheiten sind, die zu jemandem anderen gehören. Ich habe sie zurückgegeben und mir eigene geschaffen. Auf meinem Weg möchte ich anderen Mut machen und inspirieren. Auch wenn’s nicht immer easypeasy läuft und die schrullige Tante Selbstzweifel gern an die Tür klopft. Manchmal beobachte ich sie durch den Türspion, wie sie dasteht, runzlig, unzufrieden, mit hängenden Mundwinkeln. Ich sehe und höre sie nörgeln. Dann dreht sie sich um und läuft steif die Treppe hinunter. Raus aus dem Haus, in dem ich wohne. An manchen Tagen hat sie jedoch schon einen Fuß in der Tür und drängt sich zusammen mit Cousin Perfektionismus durch den Spalt in mein Leben. Dann brauche ich Hilfe, beide abzuweisen. Sie können sehr stur sein und plötzlich enorme Kräfte entwickeln. Doch mit einem Freund an der Seite und einer Extraportion Mut, hat es noch immer geklappt, ihnen den Rückzug anzuzeigen.

Auf den eigenen Mutausbruch vertrauen. Vorwärts gehen, auch wenn‘s nicht perfekt ist. Wir haben zu jeder Zeit in unserem Leben die Möglichkeit zu wachsen. Manchmal auch über uns hinaus.

Man bekommt nicht immer das, was man will, sondern dass was man braucht.

Bäm!, knallt mir dieser Satz um die Ohren. Ich denke nach. Lange sogar und immer mal wieder. Stimmt das? Ist es so einfach?

Ich will ein Auto und bekomme ein 9-Euro-Ticket für die Öffentlichen. Ich will mit meiner Familie Urlaub in Sizilien machen und lande dennoch das dritte Jahr infolge an der polnischen Ostsee. Meine Freundin wollte einen Mann und bekam einen Hund. Eine andere erhielt einen Sommer voller Abenteuer, statt nur für eine Nacht. Ein Bekannter wollte mit 30 Jahren Millionär werden. Heute hat er eine Frau und zwei Kinder, aber keine Millionen auf dem Konto. Er ist Anfang 40 und glücklich. Sie will Chanel und bekommt H&M. Er wollte Unternehmer werden und ist nun Politiker. Ich könnte ewig so weiter machen. Beispiele aufzählen. Auch die, die richtig weh tun, die sich nicht mit schönen Worten erklären lassen. Doch dann stehe ich da, mit meinem Satz:

„Man bekommt nicht immer das, was man will, sondern das was man braucht.“

…und möchte ihn in die Tonne kloppen.

Dennoch ist viel Wahres dran. Rückblickend ordneten sich die Dinge so, wie ich sie brauchte. Nicht immer, wie ich sie wollte. Vieles davon war zum Verstehen und daraus lernen. Manches, um zu wachsen und einiges brauchte ich tatsächlich nicht. Darum habe ich es nicht bekommen. Die Harley Davidson zum Beispiel.

Oder die Zeit ist noch nicht gekommen, um dieses Wollen in die Tat umzusetzen. Weil andere Ziele wichtiger sind, weil das Leben, was manchmal ganz nebenbei geschieht, mehr Priorität bekommen soll.

Meine Freundin war vor ein paar Tagen bei mir, um nach einem Konzert-Outfit in meinem Schrank zu suchen. Wir tauschen heute noch Kleidung und Meinungen aus und bekommen auch da nicht immer, was wir suchen. Zum Beispiel eine Hose geschenkt, statt einer Jacke geborgt. Weil die mir soundso nicht mehr passt und ihr viel besser steht. Sie zeigt auf ihren Bauch und meint, sie hätte ihn gern straffer. Ich zeige auf meinen und meine: „Da war ein Baby drin. Bei dir und bei mir. Das darf so aussehen. Das muss nicht straff und muskulös sein. Du bist nicht Heidi Klum. Ist nicht dein Job, damit Geld zu verdienen. Und stell dir vor, was du dann noch bekommen hättest: Tom Kaulitz als Mann.“

Sie guckt mich an, lacht und sagt: „Okay, ich nehme lieber deine Hose, die passt wenigstens in der Taille.“

Später am Tag sitze ich am Laptop und versuche klare Gedanken auf den Monitor zu bringen. Das ist schließlich mein Job. Aber irgendwie will es nicht funktionieren. Außer einer Mischung aus: Ding von Seeed und dem Intro von Bibi & Tina, feuert kein weiterer Geistesblitz auf die Tastatur vor mir. Also lasse ich es und mach das, was ich in solchen Momenten immer tue. Ich gehe mit dem Hund raus oder räume auf. Hund ist schon draußen, also nehme ich mir die Shampoo-, Seifen-, Zahnpasta- und Restbestände-Schublade im Bad vor. Kennt jeder. Da wo sich Haargummis mit halbverbrauchten Nachfüll-Flüssigseifen treffen, der Deckel vom fast leeren Shampoo nicht richtig sitzt und ein Pfützchen davon den Karton der tollen französischen Seife aufgeweicht hat, die wiederum leicht angefeuchtet ihre Blumenmusteroberfläche eingebüßt hat. Dazu gesellen sich noch ein paar Staubmäuse und ausgefallene Haare. Hm. Da kommt Freude auf. Ich überlege kurz, alles wieder hineinzuschmeißen und mit mir selbst spazieren zu gehen. Da sehe ich eine Glasflasche ganz hinten, einen Flakon, der noch bis fast oben hin gefüllt ist, mit bernsteinfarbener Flüssigkeit. Mein Lieblingsparfum. Wie es da wohl hingekommen ist? Egal. Die Freude ist riesig, weil ein Fläschchen davon seit ein paar Tagen auch in meinem digitalen Einkaufswagen schlummert und ich zu geizig bin, diesen an die Kasse zu fahren. Wir wollen schließlich in den Urlaub und dort will ich NICHT kochen. Für 60 Euro können wir an der polnischen Ostsee glücklicherweise noch immer zwei Abende als 3-köpfige Familie essen gehen. Gut riechen gegen gut essen. Ich hatte mich für das Essen entschieden. Und dann einen Flakon meines Parfums im Badschrank entdeckt.

Gefunden hatte ich dazu noch ein paar Gedanken und Worte. Die erst heute, wohl aber zum richtigen Zeitpunkt auf das Papier kommen. Auch wenn Seeed noch immer in meinem Hirn schunkelt. Das liegt jedoch am Konzert vom vergangenen Samstag. Ich hatte mir nicht viel davon versprochen. Nach einem gigantischen Coldplay-Konzert würde mich diese deutsche Reggae-Band nicht vom Hocker reißen. Das Wochenende begann sehr früh (Weshalb werden Kinder am Wochenende so zeitig wach und in der Woche nicht?). Es regnete. Der Himmel war grau und meine Stimmung auch. Aus Gründen. Am Abend fieselte noch immer feinstes Regenwasser vom steingrauen Himmel.  Die Band verspätete sich. Und mit den letzten Wassertröpfchen blitzten plötzlich Lichter, Stimmen und Stimmung auf. Eine aromatisch duftende Wolke zog über die Menschenmenge und Seeed startete entspannt, sich im Takt der Musik wogend. Das Konzert wurde zum absoluten Knaller und rettete nicht nur mir den Tag und die Laune. Was ich wirklich brauchte.

So, heute bin ich ziemlich gut drauf
Zieh‘ mich schick an setzt ’n Hut auf…

Koitus vs. Curarum interruptus.

„Hast du das von dem Atomkraftwerk in der Ukraine gehört?“, schaut mich meine Freundin erwartungsvoll an.
„Öhm. Nö. Steht es noch?“, frage ich irritiert nach.
Sie hebt die Augenbrauen und ich sehe sie innerlich den Kopf schütteln.
„Noch!“, antwortet sie ausdrucksvoll. „Noch!“ und ich kann die Ausrufezeichen hinter kurzen Satz sehen. „Aber wer weiß wie lange. Und dann?“
„Ja.“, meine ich achselzuckend. „Was dann? Darüber denke ich nach, wenn es so weit ist. Vorher bleibe ich ganz entspannt.“

Gefahr ist real. Angst ist freiwillig. Sorgen sind sinnlos.

Diesen Spruch habe ich mal gelesen und er ist mir so bedeutsam geworden, dass ich ihn an dieser Stelle gern weitergeben möchte. An meine Freundin und an alle, die ihn noch nicht kennen.

Ich lese und höre nur ein Minimum an Nachrichten. Gerade so viel, dass ich kurz aus meiner Bubble auftauchen, mich informieren und dann wieder abtauchen kann. Und wenn mir die Headlines der Nachrichten zu laut werden, stelle ich den Ton ab.
Heute konnte ich jedoch nicht wegschauen. An der Kasse im Supermarkt, an der ich anstand. Neben mir der Zeitungsständer, aus dem mich direkt eine Schlagzeile von Deutschlands bekanntester Tageszeitung anbrüllte:

Die ZDF-Moderatorin über ihre Gendersprache im Fernsehgarten „Ich muss!“

Das hat mich natürlich interessiert – als Autorin und Texterin. Der knappe Artikel auf Seite 5 hat gereicht, bis die Schlange an der Kasse weiterrückte und mir wieder klar wurde, weshalb ich so wenig Nachrichten höre und lese. Weil die Headline meistens aufgeblasener ist als der Inhalt. Korrekt stand im Text, dass die Moderatorin schon lange gendere. Weil sie will. Aber das nur nebenbei.

Im Übrigen waren die Überschriften der anderen Cover-Artikel nicht weniger reißerisch, und wahrscheinlich noch weniger wertvoll. Das ist meine eigene Wertung, denn gelesen habe ich sie nicht. Zu laut, zu negativ, zu angsteinflößend. Also etwas, was niemand gut gebrauchen kann, wenn die eigene Welt offenbleiben soll. Für den Alltag und das Schöne darin. Ohne ständig Konfetti darüber zu streuen oder in Glitzerwolken abzutauchen. Immer noch realitätsnah. Nur darf ich die eigene Wirklichkeit, das selbstbestimmte Leben, der Alltag so bunt wie möglich gestaltet werden. Wissend, dass auch schwarz und grau darin Platz finden.

Bildzeitung vom 15.08.2022

Angst ist freiwillig. Was nützt ein Fluchtreflex zu einer Situation, die morgen stattfinden könnte? Nichts. Außer Herzrasen auf die unangenehme Art. Und wenn der nächste Tag beginnt, aber das Unheil nicht eintrifft? (Was im Übrigen in über 98 Prozent der Fälle genauso ist.) Dann war die Sorge, die Not, die Aufregung umsonst. Sorgen sind sinnlos. Es ist wie im Schaukelstuhl zu sitzen: du bist beschäftigt, kommst aber nicht voran. Dann lass das Leben doch lieber auf dich zukommen.

Natürlich bin ich nicht sorgenfrei. Ich bin Mutter. Irgendwas ist immer. Aber ich lerne jeden Tag dazu. Ich möchte mich nicht um die Zukunft meines Kindes ängstigen, weil die Sicherheit eines Atomkraftwerks wackelt. Ich möchte eine gute Zeit mit meiner Tochter verbringen, mit Einhörnern um die Wette rennen, Legotürme bauen, im Regen tanzen und ganz viel lachen. Weil wir es heute können. Ich weiß nicht was morgen ist. Keiner weiß was morgen ist. Warum dann Sorgen machen? Warum sich ängstigen? Und an dieser Stelle möchte ich unbedingt darauf hinweisen, dass ich nicht von Angststörungen schreibe und spreche. Das maße ich mir nicht an. Das ist eine ernstzunehmende Krankheit, die nicht einfach schwindet, wenn man die Nachrichten dieser Welt ausblendet.

Ich habe eine Vollkasko-Versicherung für mein Auto, aber nicht für mein Leben abgeschlossen.

Die Versicherung konnte ich wählen – sogar zwischen Klassik oder Premium. Was der Unterschied ist? Nun Premium beinhaltet auch die Absicherung für einen Unfall mit Borstenwild. Klassik schließt nur Haarwild ein. Irrsinn, oder? Das beschreibt den deutschen Normalzustand zwischen Sorge und Bürokratie. Die letztere ist sicher aus der ersten hervorgegangen. Damit Otto, der Durchschnittsdeutsche und das Durchschnittsunternehmen in jeder Hinsicht abgesichert sind. Gegen alles und nichts.

Und klar habe ich Premium gewählt. Wer einmal einen Fuchskopf unter der Motorhaube spazieren fährt, der weiß, wovon ich spreche. Denn das passiert bestimmt ein zweites Mal. Nicht. Aber es könnte. Für 5 Euro mehr im Monat bin ich gegen die Sorge abgesichert, ein Wildschwein als Kühlerfigur nicht bezahlt zu bekommen. Während ich das schreibe, muss ich selbst lachen. Wir sichern uns gegen Sorgen ab, die eintreffen könnten. Ein Spiel mit der Wahrscheinlichkeit. Ich hoffe, mein Versicherungsmakler liest jetzt nicht mit.

Sorgen kreisen und lassen weniger Spielraum für gute Gedanken. Angst dagegen lähmt und ist herunter gebrochen nur ein Gefühl. Ein mächtiges, das ist klar. So mächtig, dass sie am Weitergehen hindern kann. Angst lässt dir keine Flügel wachsen, seit denn du benötigst diese zur Flucht. Dann treiben dich Stresshormone, Adrenalin und Cortisol an, vom Fleck zu kommen. Bevor der Säbelzahntiger dich erwischt. Oder du erstarrst eben. Kommst nicht weiter, schränkst dich ein, schläfst schlecht. Aber wie oft gibt es wirklich Grund zur Sorge, die aus Angst entsteht? In zwei Prozent der Fälle. Übrigens werden 4-18 von 100 Frauen schwanger, die denken, mit Koitus interruptus verhüten zu können. Ein nicht ganz ernst zu nehmender Vergleich, wie sehr man sich in Sicherheit wiegen könnte, wenn man wollte.

Was ich jedoch kann und unbedingt will ist, jeder und jedem zu wünschen, sich nicht von Sorgen und Angst am Leben hindern zu lassen. Wir haben nur dieses eine und keine Vollkasko drauf. Vielleicht wäre ein interruptus vom Sorgenmachen sinnvoll. Ein Curarum interruptus.

Geschichten aus dem Leben.

„Sie sehen sehr hübsch aus!“, spreche ich die ältere Dame an. Sie lächelt überrascht und rückt ihren Sonnenhut zurecht. Sie trägt eine weite Bluse zu einer lilafarbenen Blumenhose. Viele freundliche Falten tanzen auf ihrem Gesicht, als sie mir antwortet.

„Und ich habe überlegt, ob sie einen Hund bei sich führen. Sie sehen aus, als hätten sie einen Hund, mit dem sie spazieren.“

Ich nicke und zeige auf meinen vierbeinigen Freund, der sich im Schatten der Bäume versteckt hat.

„Ach!“, sagt sie „Dann hatte ich damit recht. Denn mein zweiter Gedanke war, vielleicht ist die Frau auch eine Philosophin.“

Jetzt lächele ich und zucke mit den Schultern.

„Vielleicht sind sie auch beides!“ Mutmaßt sie fröhlich.

Dann wünschen wir uns einen guten Weg und einen sonnigen Tag.

>Ein kleines bisschen Philosophin und ein großes bisschen Autorin und Storyteller< denke ich, als ich meinen Weg fortsetze. Denn wie ein Philosoph suche ich Antworten auf die Sinnfragen dieser Welt, über die Menschen und unsere Umwelt. Ich denke. Viel. Aber wie ein Autor verpacke ich diese Fragen und mein Wissen in Geschichten. Meine Protagonisten sind die Fragesteller und die Antwortgeber. Sie wachsen mit den Zeilen, die ich schreibe.

Das ist das Schöne am Geschichtenschreiben: das Lernen. Nicht stehen zu bleiben, sondern beständig vorwärtszugehen. Geschichten bestehen immer zu einem Teil aus Wahrheit und zu einem Teil aus Fiktion. Mal überwiegt das eine, mal das andere. Es kommt darauf an, was das Ziel ist. Und darauf, das Interesse oben zu halten. Die Story weiterzuspinnen. Den Leser auf eine Reise mitzunehmen.

In einem Buch. In einem Text. Immer da, wo Geschichten erzählt werden.

Ich möchte dich einladen…

mich auf einen Spaziergang zu begleiten. Der Hund ist auch dabei. Ich hoffe, das ist okay für dich?

Vielleicht magst du Jahresbeginne, Monatsanfänge, den Wochenstart und wenn der Tag erwacht, genauso wie ich? Den Aufbruch und die Euphorie von Neuem, die Neugier auf das, was vor einem liegt. Die Vorstellung davon, was sein könnte und der unbedingte Wunsch, das umzusetzen. Das Kribbeln im Bauch. Die Vorfreude. Den Fokus richten. Dann komm gern mit.

„Ich gehe meinen Weg, egal ob gerade oder schräg.“

Udo Lindenberg

Es ist ein wenig ruhig hier geworden. Im Blog. In den sozialen Netzwerken. Mir fehlte einfach die Power, alles zu bedienen. Die habe ich nämlich in meine Familie und in meine Selbstständigkeit gesteckt. Ich habe gewerkelt, gebastelt, Konzepte angenommen, abgelehnt, mich manchmal sehr weit aus dem Fenster gebeugt und mich im letzten Augenblick wieder gefangen. Ich habe probiert, getestet, gelernt und umgedacht. Manchmal kam mir das Leben dazwischen, manchmal der fehlende Schlaf. Doch nun ist alles an Ort und Stelle gerückt und erste Projekte sind angelaufen.

Mandy Kämpf
Der Spatz

Du bist neugierig, was das ist? Das mag ich auch. Neugierde.

Eines der Projekte ist das Bücherschreiben. Immer wieder habe ich es angekündigt, doch mein Fokus darauf ist zwischen Wäsche waschen, Job, Haushalt, Familie und dem Alltag verloren gegangen. Also Blickwinkel richten, Komfortzone verlassen und das eigene Mindset überdenken.

Das kann ich am besten, wenn ich aus der Starre des Alltages zur Seite trete. Es reicht schon, wenn ich Kleinigkeiten ändere. Das Sonntagsfrühstück zum Beispiel. Denn während mein Mann gestern mit Freunden im Garten am Baumhaus unserer Tochter werkelte, fuhr ich mit ihr an den See. Statt Brötchen gab es Rühreier und Pizza und ein Spatz beobachtete jedes Krümelchen, was uns von der Gabel fiel. Vor allem die Krümel meiner Tochter hatten es ihm angetan. Rollten diese doch wie von Zauberhand in seine Richtung. Als ob ein zartes Lüftchen diese angestoßen und in die Nähe seiner Krallen kredenzt hätte.

Ich beobachtete den Spatzen, wie er die Krumen beobachtete. Den Fokus klar gesetzt, mit kurzem Zwinkern zur Seite, ob die Umgebung noch passte und dann: Pick. Pick. Pick.

Als alle unsere Bäuche gut gefüllt waren, flatterten und gingen wir weiter. Der eine zum nächsten Tisch, wir zum Spielplatz und später in den Garten. Das Baumhaus bewundern, wie es stolz auf seinen vier Pfeilern ruht. Darunter hatte es sich unser Hund im Schatten gemütlich gemacht. Ein wenig blass sieht es noch aus, das Holzhaus, nicht der Hund. Doch drei Töpfe mit Farbe warten schon darauf, dass pippilangstrumpfigste Haus in der ganzen Straße zu gestalten. Zur Freude unserer 4jährigen und zur Besorgnis des Papas, im Google-Streetview ganz oben zu ranken. Als Kinderhotspot.

Bistrotisch mit Kaffee & Buch
Zitat

Am Abend im Bett, mit meinem Kind im Arm, dachte ich noch einmal an das Vögelchen am See zurück. Wie klar es seinen Fokus setzte und nur das wirklich wichtige um sich kurz betrachtete. Und ich beschloss, es ihm gleichzutun. Fokussieren, absichern, anpacken.

Wie passend, dass gerade ein neuer Monat beginnt, eine neue Woche und heute der erste Tag von all dem ist. Und Zeit wird’s. Für ein neues Buch. Die letzte Veröffentlichung liegt fast 5 Jahre zurück. Und Zeit wird’s für ein eigenes Buch. Ohne die Stammtischmeute und ohne … Verlag.

Warum? Und wie dann?

Weil ich es für mich probieren möchte. Das Selfpublishen. Das eigenverantwortliche Veröffentlichen mit allem, was dazu gehört. Die Gestaltung, die Umsetzung. Marketing, Verkauf. Ich möchte jeden Schritt kennenlernen und freue mich so unbändig darauf.

Denn: Es ist mein Weg. Egal ob gerade oder schräg.

Die ersten Schritte sind getan und meine Kurzgeschichten von den Verlagen gelöst, wo ich sie einst veröffentlichen durfte. Nun überarbeite ich diese. Sie sind teilweise in die Jahre gekommen und dürfen sich nun – wie ich – weiterentwickeln. Sprachlich vor allem, aber auch inhaltlich. Illustrationen werden hinzugefügt und das Cover entwickelt. Am Ende steht da mein fertiges Buch und darf in den digitalen und analogen Druck. Doch ist‘s kein Ende, sondern der Anfang von kleinen, feinen Kriminalgeschichten, die nun in Häuser und Wohnungen einziehen, die in Hängematten liegen und quer von Bus und Bahn durch die Stadt getragen werden. Die neben einem Kaffee pausieren oder unter der Bettdecke gelesen werden. Die in der Büroschublade liegen und zum Snack am Arbeitstisch hervorgeholt werden. Geschichten im Bad, für die ruhigen Minuten. Am Strand und im Fahrstuhl, auf dem Weg nach oben.

Wer möchte, begleitet mich ein Stück. Ich freue mich über jeden, der neugierig ist und ein wenig seiner Zeit mit mir teilen möchte.

01. August 2022
Mandy Kämpf

Erste Levis, erste Liebe und ein Sommer voller Möglichkeiten.

Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich laufe durch den Park und die Morgensonne kitzelt warme Lichtpunkte auf meine Haut. Eine kleine Erinnerung summt leise wie eine Biene um mich herum.

1995

Ich sehe ein weit geöffnetes Dachfenster und darunter mich in meinem Bett liegen. Achtzehnjährig. Es ist Samstag. Schulfrei. Mit noch geschlossenen Augen höre ich dem entfernten Brummen des Rasenmähers aus dem Garten zu. Ein Hund bellt. Sicher ist es meiner, der aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd um meinen Vater herumrennt, weil dieser knatternd das Gras kürzt. Nun lächele ich der Sonne entgegen und freue mich jetzt schon auf den Abend. Ich bin verliebt. So richtig doll. Und heute werde ich ihn wieder sehen. Dort, wo sich alle Samstagnacht tummeln. In der Disco.

Disco. Ich schmunzele und erwache kurz aus meiner Erinnerung. So hieß das damals, vor über zwanzig Jahren. Die Kids heute gehen in den Club. Meine Nächte verbrachte ich am liebsten im YOU TOO. Das hieß damals wirklich so. Während ich weiter über die frisch geschnittene Wiese laufe, blicke ich wiederholt zurück zu meinem jugendlichen Ich, im Bett liegend, mit einem Sommer voller Möglichkeiten im Herzen.

Ob er mich heute ansprechen wird? Ob wir heute zusammen tanzen werden? Mit einem Seufzer drehe ich mich auf die Seite und betrachte meine neue Jeans auf dem Stuhl gegenüber meinem Bett. Hellblau gewaschen, mit dem typischen braunen Lederschild und dem roten Kleiderlabel an der Potasche. Meine neue Fünf-Null-Einser. Einhundertdreißig Mark hatte ich dafür bezahlt, hart erspart von meinem Nebenjob an der Eistheke eines Bowlingcenters. Daneben liegt ein weißes Neckholdertop.

An die Schuhe kann ich mich nicht mehr erinnern. Waren es Sneaker oder Schuhe mit Absatz? Absätze hatte ich gern getragen, aber eben auch Turnschuhe. So hießen diese damals. Adidas Torsion ZX8000 waren der ewige Favorit. Hellblau mit gelben Streifen. Manchmal laufen mir diese heute noch über den Weg.

Mein damaliges Disco-Outfit ist ein viertel Jahrhundert später tagestauglich geworden. Levis 501 (heute in der Kategorie MOM-Jeans) in Kombination mit einem Cropped Top.

Mode ist eben keine ständige neue Erfindung, sondern eine Neuinterpretation von Vergangenem.

Mandy Kämpf

Früher wie heute trägt Frau dazu Markenturnschuhe, seit neuestem gesellt sich noch das Designerhandtäschchen dazu. In den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts wurden Geld und ein Taschentuch in der Zigarettenschachtel aufbewahrt und der Rest mit der Jacke an der Garderobe abgegeben. Smartphones gab es noch nicht und Handys waren so teuer, dass ich mir noch keines leisten konnte. Dafür stand das Telefon daheim niemals still. Ich sehe mich noch davor sitzen und auf seinen Anruf warten. Im Flur unserer Wohnung. Zwischen Eingangstür und Eltern, die jedes Wort hören konnten.

Ich starrte auf den moderneren Tastenapparat, der selbstverständlich hübsch auf einem gehäkelten Platzdecken arrangiert war. Wohndeko in den 90ern. Meine Mom hätte keinen Preis gewonnen. Und als es endlich klingelte, zählte ich die Töne mit. Eins. Zwei. Drei.

„Möchtest du nicht rangehen?“, fragte mich mein Vater.

„Nein!“, zischte ist entsetzt. „Er soll nicht denken, dass ich auf seinen Anruf warte.

Vier. Fünf…

„Hallo!“, rief ich atemlos in den Hörer hinein. Mein Herz klopfte bis in den Hals.

„Hier ist Oma. Alles gut bei dir?“


Natürlich trafen wir uns am Abend. Natürlich tanzten wir zusammen, während George Michael sein Careless Whisper seufzte. Seine Hände auf den Potaschen meiner 501er. Meine Arme auf seinen Schultern, während meine Nase seinen Geruch in der Halskuhle einatmete und konservierte. Für später. Allein in meinem Bett, mit all den Gedanken und meinem übervollen Herzen.

Wir waren die deutsche Version von Vic und Matthieu aus La Boum – die Fete. Nur ein Jahrzehnt später. Und weniger dramatisch. Es war ein schöner Sommer. Mit dem Duft von frisch gemähtem Gras; scheuen Küssen, während wir tanzten; mit hellblauen Levis und dem Wissen, dass unsere Zukunft darauf wartet, wild und frei gelebt zu werden.

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