Das Leben kann man nicht retuschieren.

Ich war neugierig. Ich wollte es genau wissen und sehen, was ich sonst nicht sehe, wenn ich in den Spiegel schaue – oder auf einem Foto. Die Hollywood-Version meiner selbst oder eine, die ich sein könnte. Mit viel MakeUp. Mit viel Kosmetik. Wahrscheinlich mit etwas Chirurgie oder Botox, bestenfalls mit Fillern. Und ganz ehrlich? Ich habe geschluckt. Kurz nur, aber für einen Moment war da ein Ziehen in meinem Bauch. Ein: was wäre wenn? Ja, was denn? Dann wäre ich noch immer Mandy.

Worüber ich eigentlich schreibe? Über diese kleinen fiesen Apps, die normale Gesichter in Photoshop-Versionen wandeln, an die sich nicht einmal die besten Fotografen herangetraut hätten. Weil (die meisten) Fotografen Ästheten sind und nur dort nachhelfen, wo ein Bild stimmig werden soll, wo kleine Unebenheiten die Geschichte stören oder eine Mimikfalte zu sehr vom Schatten geküsst wurde. Ihr kennt das. Ein Gesicht das sich bewegt, sieht anders aus, als ein starres. Wie auf einer Fotografie.

Und dann kommen diese Apps. Auch als Video-Version. Ich habe einen Selbstversuch gestartet.

Links: dezent geschminkt. Kein Filter. Kein Weichzeichner. Nichts. Unbearbeitet. Rechts: ein Filter namens Star. 2 Sekunden später bin ich eine andere.

Puh! Ich sehe ein wenig aus wie die Mom von Kim Gloss. Aber nicht wie ich selbst. Das ist eine andere. Keine andere Version von mir, sondern eine andere Frau. Ich bin ein wenig erschrocken. Da ist ganz viel Schein, aber kein Sein. Das mag mich wenig beeindrucken, weil ich mag, wer ich bin. Weil ich das Leben in meinem Gesicht (meist) gut finde und weiß, dass ich so viel mehr bin, als mein Äußeres. Doch was macht es mit denen, die auf weniger Kraft zurückgreifen. Die mit ihrem Äußeren hadern, weil das Innere einfach noch nicht stark genug ist? Was passiert mit denen? Bestenfalls haben sie einfach einen schlechten Tag. Schlimmstenfalls häufen sich diese schlechten Tage, die Selbstzweifel nagen und hinterlassen ein großes Loch. Diese Leere wiederum möchte gefüllt werden. Meist passieren dann nicht die guten Dinge… Das macht mich traurig. Das macht mich wütend. Weil es mich an mein Teenager-Selbst erinnert. An mein 15jähriges ICH mit einer schweren Essstörung. Und damals gab es keine APPs, nicht einmal ein Smartphone, aber es gab Zeitschriften und Magazine, es gab Models die so unerreichbar schön waren, dass ich sie unbedingt erreichen wollte. Ein Dickschädel war ich schon immer. Nur hatte mich dieser damals gegen die Wand gehämmert. Knappe 4 Jahre lang. Bis ich wieder gelernt hatte, was es heißt, auf mein normales Hungergefühl zu vertrauen. Meinem Körper zu vertrauen und darauf, dass ich gut bin, so wie ich bin. Und ich war verliebt. So sehr, dass das Thema Essen an den Rand trat und langsam wieder zum Genuss wurde. Das liest sich leichter, als es tatsächlich war. Das möchte an dieser Stelle unbedingt gesagt sein. Jeder Mensch geht anders damit um, jeder hat seine eigene Geschichte.

Natürlich waren damals nicht allein die Cover der Modemagazine an dieser Essstörung beteiligt, da tummelten sich mehrere Faktoren und verbanden sich auf dem Höhepunkt meiner Pubertät zu einer Magersucht. Das ist lange her. Ich habe keine weiteren Folgen davon getragen, außer dass ich heute noch aus dem FF weiß, wieviel Kalorien eine Tafel Schokolade hat. That’s it. Und das wünsche ich allen Betroffenen, dass sie eines Tages aus diesem Tal hervortreten können, ohne sich noch einmal umblicken zu müssen. Ich hatte Hilfe dabei. Professionelle Hilfe. Und das ist in meinen Augen der einzig richtige Weg.

Mich haben in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts die Cover der Magazine getriggert. Heute liegen die Trigger in Social Media verborgen und in APPs, die eine Welt erschaffen, die so nicht existiert. Sie ist mit Vorsicht aber dennoch zu genießen. Deshalb habe ich einen zweiten Versuch gestartet und mein Gesicht „nur“ mit digitalem Botox und etwas mehr MakeUp gefiltert. Hier ist das Ergebnis:

Links: das pure ICH mit ganz dezentem MakeUp und ungefiltert. Rechts: ein bisschen Botox und viel MakeUp via APP, die Haare frisch vom Friseur, aber unverkennbar ICH.

Ich bin ein wenig versöhnt. Und auch erstaunt. Das ist also die Botox/Filler/MakeUp – Version meiner Selbst. Oder einfach die jüngere, ausgeschlafenere. Wobei ich nie einen solchen Glow hatte – oder keine Augenringe. Aber es ist okay. Es ist gemogelt, aber für eine Bewerbung, Homepage-Bilder oder als Pressefoto in Ordnung. Ich sehe noch immer mich.

Aus Neugier scrolle ich weiter durch die APP und entdecke den Alterungsfilter. Wow! Will ich das wirklich sehen? Ich überlege kurz. Ja! Ich will! Zwei Sekunden später weiß ich Bescheid. Ich blicke meinem ungefähr 60jährigen ICH ins Auge und sehe: MICH. Ich mag sie, die ältere Version von mir. Sie schaut klug und wissend in die Welt. Sie wirkt angekommen. Wirkt weich und noch immer neugierig. Sie sieht glücklich aus. Und das ist es, worauf es ankommt. Nicht auf die Figur, die Falten, das Alter, die weicher werdenden Konturen, sondern auf das, was das Leuchten im Inneren hervorbringt. Die Zufriedenheit. Das alles richtig ist, so wie es ist und wird. Wir alle haben (jetzt) das eine Leben. Es ist nicht durch eine APP filterbar, sondern will gelebt werden. Und die Spuren davon, darf man sehen.

ICH. Mit ungefähr 60 Jahren.

„Sie hat Falten wie Sonnenstrahlen um die Augen…“, schrieb der großartige Eric-Emmanuel Schmitt in seinem Werk: Oskar und die Dame in rosa. 

Damit ist eigentlich alles gesagt.

Ein Kommentar zu “Das Leben kann man nicht retuschieren.

  1. Tom Sharpe beschrieb in einer seiner Geschichten die Liebe zu einer Frau, die unwiderstehliche Grübchen in den Oberschenkeln hatte – wir nennen das Cellulite und unternehmen alles mögliche, um selbige loszuwerden. Ich bin für Grübchenliebe. Und Sonnenfalten. Damit es menschlich bleibt.

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